Oberland

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von Brigitte Richter

 

Jugendblätter für Volks- und Heimatkunde 1925

 

Wie man sich doch in so „alten Schwarten“ festlesen kann?

 

Die Lupe liegt immer beim Buch, draußen scheint die Sonne, aber ich denke, ich muss schnell noch ein paar Seiten lesen. Kurze Geschichten schreibe ich gerne ab, die langen sind mir zu anstrengend.

 

Heute lasse ich die Leser von Hallooberland teilhaben an einer Geschichte die zu Herzen geht:

 

Die Seibiser Singhanne

 

Am Himmelfahrtstage schied in Seibis eine nicht nur im Oberland sondern weit über seine Grenzpfähle hinaus bekannte und beliebte Persönlichkeit aus dem Leben, die unter dem Namen „Sing,- oder Seibiser Hanne“ bekannte Gutsauszüglerin Johanna Dietzel.

 

Ein Aufenthalt in Seibis, ohne die Hanne besucht zu haben, wäre vor ihrem Tode nicht möglich gewesen. Diese Volkstümlichkeit verdankte die einfache Frau ihrer besonderen Veranlagung für Musik.  Sie war gleich bewandert im Gesang, wie Klavier- und Lautenspiel, ja selbst die Ziehharmonika spielte sie mit Geschick. Besuchte man sie, so brauchte man nicht lange zu bitten; gern war sie bereit, alte, liebe Lieder darzubieten. Zahlreiche Fremde aus den umliegenden Badeorten und Sommerfrischen waren alljährlich ihre Gäste, bewunderten ihre Kunst, die Volkskunst im wahrsten Sinne des Wortes war. Sammler alter, vergessener Volkslieder fanden bei ihr eine reiche Fundgrube. Bei aller Liebe zur Musik vernachlässigte sie durchaus nicht ihre Pflichten als Hausfrau und Mutter. Wie die alte Waschfrau in Chamissos Gedicht hatte auch sie schon längst ihr selbstgesponnenes, gewebtes und genähtes Sterbehemd im Kasten liegen.

 

Trotz manchen Erdenleidens, das auch ihr in ihren 82 Lebensjahren nicht erspart blieb, hatte sie immer ein zufriedenes Herz und ein heiteres Gemüt.  Diese beiden Eigenschaften, gepaart mit einem festen Gottvertrauen, waren die Grundpfeiler ihres Glückes, das auf alle überstrahlte, die Einblick in ihre tiefe Herzensbildung und die einfachen Verhältnisse nahmen, in denen sie sich wahrhaft glücklich fühlte.

 

Ihr Begräbnis gestaltete sich zu einem Ereignis für den stillen Ort. Als der Sarg vor dem Trauerhause auf einen Leiterwagen gebracht war, sangen die Schulkinder das Lieblingslied der Dahingeschiedenen. Unter den Klängen des Choupinschen Trauermarsches setzte sich dann der große Leichenzug nach dem eine Stunde entfernten Kirchdorf Harra in Bewegung. Hier wurde der Sarg auf dem Dorfplatz nieder gesetzt. Nachdem von der Harraer Schuljugend ein Trauerlied erklungen war, wurde der Sarg unter Musikbegleitung  zur stillen Gruft an der Kirche getragen, begleitet von einem zahlreichen Trauergefolge von nah und fern.

 

Pfarrer Boldhan widmete ihr, zu Herzen gehende, ehrenvolle Worte. Es war eine erhebende Feier, wie sie wohl selten einer schlichten Bauersfrau zu teil werden dürfte. Mit Johanna Dietzel ist ein Stück echten oberländischen Wesens „heiter, treu und wahr“ dahin gegangen.

 

„Wer Liebe sät, wird Liebe ernten“, das war der Eindruck, den man von ihrem Begräbnis mit fortnahm.

 

Wörtlich abgeschrieben von Brigitte Richter

 

Ja, wer Liebe sät, wird Liebe ernten! Das sollten sich auch heute die Menschen auf ihre Fahne schreiben.

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