Von altem Brauchtum: Andreasabend und 1. Dezember

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Zu seinen Lebzeiten war der Apostel ein Anhänger Johannes des Täufers, ging aber auf dessen Weisung hin zu Jesus, dem er auch seinen Bruder Simon Petrus zuführte. Im Mittelalter wurde er zum Schutzpatron von Schottland und Rußland. Das Andreaskreuz, ein überaus kraftvolles Bannzeichen, findet sich an Bahnübergängen, traditionell aber in der britischen und schottischen Flagge.1 Zu St. Andreas ist das definitive Ende des Goldenen Herbstes erreicht und der Winter unausweichlich – ›Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr, wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.‹2 – »In heidnischer Zeit wurden in dieser Nacht vor allem die Dämonen abgewehrt und ab heute begannen die Fruchtbarkeitsbräuche des kommenden Winters. Später begann am Andreastage der ursprüngliche Weihnachtsfestkreis des Kirchenjahres.«3 Daher kamen an diesem Abend auch späterhin vielerorts die Gemeindemitglieder zusammen, legten die Gemeindekasse und berieten bei einem Freitrunk ihre kommunalen Angelegenheiten. In dem Dorfe Reichenbach in der Saalfelder Heide mit seiner St. Andreaskirche wurde das Andreasfest noch um 1850 gegen drei Tage lang, gewissermaßen als verspätete Kirmes, gefeiert. Erst hinterher – und nicht wie andernorts schon nach dem Ende der Pfefferkuchenbäckerei ab dem Katharinentage (25. November) – begann die vorweihnachtliche Fastenzeit mit ihren Reglements für Veranstaltungen in der Öffentlichkeit, welche sich nun in den privaten Raum zurückzogen.4
Auch war es am Andreasabend Brauch, daß die Halbwüchsigen – die sogenannte ›Kleine Jugend‹ – vermummt im Dorfe umhertapsten und heimlich an die Fensterscheiben klopften, um vor dem Bösen zu warnen, worauf die Frauen und Kinder in den Stuben dann häufig vor Schreck zusammenfuhren, und auf diese Weise die uralten Ängste der Menschen vor dem Dunklen und Unheimlichen von einer Generation auf die nächste reproduziert wurden. Mutige Menschen gingen in stockfinsterer Nacht auch hinaus, legten ihren Erbspiegel ein oder horchten nach besonderen, vorbedeutungsvollen Zeichen. In der Andreasnacht nämlich konnten die Tiere Sprechen und auch ein Blick in die Zukunft getan werden. Besonders Unverheiratete wollten dann wissen, wie es mit ihrer Verehelichung bestellt war. Zuvor mußten sie aber den magischen Andreassegen sprechen, der in jedem Dorfe etwa anders lautete, etwa: ›Es Mes Des (Es meus deus) Mein lieber Sankt Andreas. Ich bitt Dich durch Gott; Wollst sein mein lieber Bot´; Du wolltest mir lassen erscheine die Herzallerliebste meine, wie sie geht und steht und den ersten Feiertag in die Kirche geht.‹5 Dann wurde an die Schweineställe gepocht und wenn sich etwas regte, dann heiratete man bald. Zudem klopften die Mädchen, wie im übrigen auch zu Heiligabend oder in den Zwölf Nächten, an den Hühnerstall: ›Gackert der Hahn, krieg ich bald en Mann, gackert die Henn, krieg ich kenn!‹, glaubten sie.6 In den Rockenstuben war unter den Großen Mädchen an diesem Abend das Gänseorakel, das Büschelziehen und das Zaunsmessen beliebt. Beim Gänseorakel holte ein Mädchen einen Gänserich – das Tier der Frau Berchta, der Gänsefüßigen, der mythischen Hüterin des Flachsanbaus und des Spinnens –, zog ihm einen Strumpf über den Kopf, setzte ihn in den Kreis der versammelten Mädchen und man wartete darauf, wen er anschnatterte oder vor wen er vor die Füße schloß. Wer angeschnattert wurde, heiratete im nächsten Jahr, welche er aber ›onscheißt‹, die bekommt dann sogar ein Kind. Beim ›Bischelzieh´n‹ mußte jedes Mädchen mit geschlossenen Augen aus der Hand der Haustochter einen Holzspan nehmen. War dieses gerade, bekam sie einen gutgewachsenen Mann, war es aber krumm, würde der Ehepartner ›huck´sch‹ [höckrig] sein. Beim Erbzaunmessen banden die Mädchen ihre Schürzen ab, nahmen sie in die Hand, gingen nach draußen in den Grasgarten und maßen mit dem unteren viereckigen Teil der Schürze eine Zaunsseite ab. Beim letzten Stück, wo die Schürze nicht mehr in ganzer Breite angelegt werden konnte, zählten sie die Latten – das ergab die Anzahl der Jahre, die bis zur Hochzeit noch vergehen sollten.7 Das Erbzaunmessen wurde vielerorts noch bis in die 1960er Jahre hinein gepflegt.
Einmal gingen einige Mädchen zum Zaunmessen. Aus Vorsicht, weil zu diesen ›Zeiten zwischen den Zeiten‹ allerhand passieren konnte, hatte jede eine Stunze auf dem Kopf. »Es dauerte nicht lange, so kam etwas durch die Luft geschwirrt, und bei einer hat es auf die Stunze geklopft. Gleich darauf gingen sie nach Hause. Die eine aber, bei der es geklopft hatte, fand auf der Stunze ein Messer und eine Gabel. – Das Mädchen verlobte sich bald mit einem Fleischer. Als sie Hochzeit hatte, fehlte aber ein Tischbesteck. Da sagte die junge Frau zu ihrem Mann: ›Ich hab noch eins!‹ Sie holte das damals gefundene Besteck, das sie gut versteckt hatte und zeigte es ihrem Mann. Dieser erschrak und sprach: ›Du bist das elende Mensch [Mädchen], das mich hierhergebracht hat!‹ und gleich war er verschwunden.8«
Am Andreasabend öffneten in unserer Gegend die Spinn- und Rockenstuben ihre Pforten. Dabei versammelte sich mehrmals wöchentlich reihum eine feste Gemeinschaft von Frauen, einer gewissen Alters-, mitunter auch Nachbarschaftsgruppe, um Flachs oder Schafwolle zu verwebbaren Fäden zu verspinnen. Unterbrochen von bestimmten Feier- und Fastentagen währte die Saison bis Mariä Lichtmeß. Jede Rockenstubengemeinschaft besaß eigene Aufnahmerituale, Regeln und Feste. Besonders lustig ging es bei den Zusammenkünften der ledigen Mädchen zu, wo zeitweise, wie am Andreasabende, auch die Großen Burschen hinzukamen und im Spiel der Geschlechter allerhand Schabernack, bis hin zu grobem Unfug verübt wurde, weswegen die Obrigkeit regelmäßig, letztlich aber beinahe immer erfolglos, ein Verbot der Rockenstuben-Szene durchzusetzen versuchte.9

1. Dezember

»Von vielen Kindern heute sehnsüchtig erwartet, ist das Öffnen des ersten Kläppchens am Adventskalender, der seit
1904 bekannt ist. … Wenn man der alten Legende glauben darf, so ist heute der Jahrestag der Zerstörung der Städte
Sodom und Gomorrha. Alles was man heute anfängt, soll man auch zu Ende führen.«10

Auszug aus: Alexander Blöthner: Magische Augenblicke – Jahreskalender 2022 mit allen wichtigen Monats-, Tages- und
Stundenenergien unter dem Einfluß der Gestirne – Mit den Glückstagen, Lostagen, Schwendtagen, Portaltagen,
bedeutenden mittelalterlichen Tagesheiligen als Christlicher, Altrömischer, Germanischer, Altslawischer und
Keltischer Kalender mit Brauchtum und Festen im Wandel der Jahreszeiten mit Beschreibung und Anleitung,
Norderstedt 2021


Über den Autor
Alexander Blöthner M. A. (phil.), gebürtig in Plothen bei Schleiz, hat an der Universität Jena ein ›Studium Generale‹ mit Schwerpunkt auf Geschichte und Soziologie absolviert und verfasst Bücher über Lebensphilosophie, Sagen, Orts- und Regionalgeschichte, Landschaftsmythologie als auch Alltags-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Autorenwebseite: Sagenhafte Wanderungen


1 Vgl. Jakob Torsy: Der große Namenstagskalender – 3720 Namen und 1596 Lebensbeschreibungen der Heiligen und Namenspatrone, Freiburg
1997, S. 323; Michels 1998, S. 193.
2 Rainer Maria Rilke: Werke (in drei Bänden), Band I,Leipzig 1978, S. 329.
3 Michels 1998, S. 193
4 Vgl. Blöthner 2019, S. 300f.;Georg Martin Brückner: Landeskunde des Herzogtums Meiningen, Erster Teil: Die allgemeinen Verhältnisse des
Landes, Meiningen 1851, S. 671.
5 Vgl. Blöthner 2019, S. 300f.; VictorLommer: Volkstümliches aus dem Saalthale. Sagen und Erzählungen, Sitten und Bräuche, in: Zeitschrift des
Vereins für Geschichte und Altertumskunde zu Kahla und Roda, Kahla 6 (1908), S. 149f.
6 Vgl. Robert Hänsel: Der Andreasabend im reußischen Oberlande, in: Oberlandhefte 1924, Heft 15; Trobisch 1926/10:155; Heinz Rosenkranz:
Orakelbrauchtum zum Andreasabend, in: Thüringer Heimat, 2. Jg, (1957), Heft 4, Weimar 1957.
7 Vgl. Gundrun Bernt: Zwischen Schlachtfest und Kirmes – Thüringer Dorfleben in vergangener Zeit, Jena 1995.
8 Rudolf Drechsel Sagen und alte Geschichten aus dem Orlagau, Wernburg 1934,S. 80f.
9 Vgl. Alexander Blöthner: Wie es damals bei uns war – Eine Geschichte der Landwirtschaft und des Dorflebens… , Plothen 2019, S. 294ff.
10 Michels 1998, S. 196

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