Wenn die Kraft fehlt , wieder aufzustehen

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Oder: Wie Erfahrungen aus dem Münchner Rettungsdienst ein neues Trainingsangebot nach Wurzbach gebracht haben

München/Wurzbach – 8Jahre lang arbeitete Hendrik Fiedler im Haus Nordhof der Malteser in München. Immer wieder erlebte er, dass Menschen nicht mehr aus eigener Kraft vom Boden hoch kamen. Diese Erfahrungen brachten ihn auf eine Idee, die er heute in seiner Heimatstadt Wurzbach umsetzt: Mit gezieltem Training die Selbstständigkeit im Alltag möglichst lange erhalten.

 

Es sind Situationen, die sich einprägen: Menschen liegen auf dem Boden, sind bei Bewusstsein und haben sich möglicherweise gar nicht schwer verletzt. Doch sie kommen aus eigener Kraft nicht mehr hoch. Schließlich drücken sie den Knopf ihres Hausnotrufes – und Hilfe wird gerufen. Für Hendrik Fiedler, der 8 Jahre lang im Hausnotruf der Malteser in München gearbeitet hat, gehörten solche Erlebnisse zum Berufsalltag. Irgendwann aber ließen sie ihn nicht mehr los.

 

„Die Leute lagen oder saßen einfach am Boden. Sie hatten keine Kraft oder keine Technik, um hochzukommen“ , erinnert sich Fiedler an seine Erfahrungen. Nicht hinter jedem Einsatz steckte ein akuter medizinischer Notfall. Manchmal fehlte schlicht die Fähigkeit, den eigenen Körper aus einer schwierigen Position wieder aufzurichten.

 

„Da muss man doch mal was machen“, lautete sein Gedanke. Denn wenn Menschen schon bei einer vergleichsweise einfachen Bewegung auf fremde Hilfe angewiesen sind, stellt sich die Frage: lässt sich nicht vorher etwas dagegen tun ?

 

Für Fiedler liegt die Antwort auch in der Bewegung. Wer rechtzeitig Kraft, Koordination und Beweglichkeit trainiert, kann wichtige Fähigkeiten für den Alltag erhalten. Es geht ihm deshalb nicht nur um Fitness, sondern um eine ganz praktische Frage: Wie gelingt es, möglichst lange selbstständig zu bleiben?

 

Vom leerstehenden Gebäude zum Trainingsstudio

Dass aus dieser Überlegung einmal ein eigenes Trainingsangebot in Wurzbach entstehen würde, entwickelte sich eher zufällig. Während der Vorbereitungen auf die 775-Jahr-Feier im vergangenen Jahr richtete Fiedler ein Gebäude der Familie für die Feierlichkeiten her. Freunde kamen vorbei und erzählten ihm, dass ihnen eine geeignete Trainingsmöglichkeit in der Umgebung fehle.

 

Zur gleichen Zeit hatte Fiedler seine Trainingsausbildungen abgeschlossen – vom Trainer – und Personaltrainerschein über medizinisches Fitnesstraining bis hin zu Pilates. Die leerstehenden Räume boten eine Chance. Das ehemalige Baumarktgebäude in der Stadtmitte in der Nähe des Kunsthaus Müller und den Thüringer Hof war zu diesem Zeitpunkt bereits rund 10 Jahre ungenutzt.

 

Fiedler packte selbst an. „Ich hab mir dann den Maurerhammer genommen, hab überall den losen Putz runtergehackt“, erzählt er über die Renovierung. Was zunächst nach einem überschaubaren Vorhaben aussah, wurde zu einer umfangreichen Aufgabe. „Es war richtig viel Arbeit“, sagt er rückblickend. Vieles erledigte er in Eigenregie und mithilfe der Familie.

 

Heute ist dort das „gelbe“ Pilates-Stübchen zu finden, welches er eigenständig betreibt und dafür jedes Wochenende von München in den Frankenwald reist. Doch hinter dem Projekt steckt mehr als der Wunsch, einen weiteren Ort für Sport zu schaffen. Die Erfahrungen aus der ambulanten Pflege und dem Hausnotruf prägen bis heute seinen Ansatz.

 

„Es geht in Wahrheit um trainiert oder untrainiert“

Ein Schwerpunkt des Angebotes liegt auf Pilates. Dabei stehen nicht möglichst viele Wiederholungen in möglichst kurzer Zeit im Vordergrund. Entscheidend sind kontrollierte Bewegungen, die richtige Atmung, Konzentration und das Zusammenspiel verschiedener Muskelgruppen.

 

Besonders wichtig ist Fiedler, dass die Übungen einen Bezug zum Alltag haben. So demonstriert er in seinen Kursen auch, wie man sich am Boden abstützt, Bewegungen sinnvoll miteinander verbindet und wieder in eine aufrechte Position gelangt. Anschließend werden genau jene Bewegungsabläufe trainiert, die dafür gebraucht werden.

 

Das Thema greift er regelmäßig auf. „Ich hab mich auf den Boden gelegt und wirklich mal Schritt für Schritt dargestellt: Wie komme ich hoch , wie stütze ich mich ab , wie bewege ich mich , wo hole ich Schwung ? “ , beschreibt er seine Vorgehensweise.

 

Danach folgen Pilates-Übungen , die diese Bewegungen unterstützen. So wird aus einer konkreten Erfahrung des Rettungsdienstes ein praktischer Trainingsansatz.

Dass sich das Angebot nicht allein Senioren richtet, ist Fiedler wichtig. „In Wahrheit ist es so, es spielt gar keine Rolle, ob alt oder jung, es geht in Wahrheit um trainiert oder untrainiert“, erklärt er. Die Altersspanne seiner Teilnehmer reicht nach seinen Angaben derzeit von jungen 13 bis sportlichen 86 Jahren.

 

Die Übungen lassen sich an unterschiedliche Vorrausetzungen anpassen. Beim sanften Matten-Pilates für ältere Menschen geht unter anderem darum, die Rückenmuskulatur zu stärken, die Rumpfstabilität zu verbessern und Gleichgewichtssinn zu schulen. Auch Beweglichkeit und Körperbewusstsein spielen eine wichtige Rolle. Damit sollen Fähigkeiten erhalten werden, die im Alltag entscheidend sein können.

 

Wenn kleine Fortschritte den Unterschied machen

Das sich regelmäßiges Training auszahlt, erlebt Fiedler nach eigener Beobachtung bereits im Kursalltag. Teilnehmer werden beweglicher und kräftiger. Manche, die zu Beginn nicht einmal einen Sit-up selbstständig bis zum Ende ausführen konnten, schaffen die Bewegung inzwischen. Viele üben auch zu Hause weiter. „Man merkt, dass sie Erfolge haben“, berichtet Fiedler. Einige seien inzwischen deutlich dehnfähiger und kräftiger geworden. Und wer Fortschritte spüre, bleibe häufig auch dabei. „Dann sind die Leute zufrieden und wollen dann auch och mehr – und dann macht es auch Spaß.“

 

Für ihn sind solche Entwicklungen mehr als sportliche Erfolgserlebnisse. Sie können helfen, alltägliche Bewegungen leichter zu bewältigen und die eigene Selbstständigkeit länger zu erhalten. Genau darin liegt der Kern seiner Idee: Bewegung nicht als Selbstzweck zu verstehen: „sondern als eine wichtige Vorrausetzung dafür, im Alltag möglichst lange auf eigenen Beinen zu stehen.“

Die Erfahrungen aus dem Hausnotruf haben Hendrik Fiedler gezeigt, wie schnell scheinbar einfache Bewegungsabläufe zu einer großen Hürde werden können. Mit seinem Trainingsangebot in Wurzbach setzt er deshalb früher an. Er möchte Menschen dabei unterstützen, ihre Fähigkeiten zu erhalten, ihren Körper besser kennenzulernen und möglichen Einschränkungen entgegen zu wirken.

Denn manchmal beginnt Hilfe erst dann, wenn jemand am Boden liegt. Manchmal beginnt sie viel früher – mit den Training, das dabei helfen kann, wieder selbst aufzustehen.

 

Text und Bilder : wunder MEDIA

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