Oberland, Jugendblätter für Volks- und Heimatkunde 1925 – Teil 7

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von Brigitte Richter

 

Liebe Leser von Hallooberland. Es macht mich fast süchtig und ich wollte doch aufhören, aus dem alten Buch von vor hundert Jahren abzuschreiben, aber diese eine Geschichte wird es wohl noch daraus für Sie geben, bevor die Bücher zurück zum Eigentümer gehen:

 

Aus Röttersdorfs vergangenen Tagen.

 

Sonntag ists. Ich habe etwas beim Raiffeisenrechner zu erledigen, doch sein Schreibtisch steht verlassen da. Schreibmaschine und Fernsprecher blicken mir erwartungsvoll entgegen. Ich setze mich zur Mutter an den großen Tisch in der Stubenecke, die Platte ist eine übermeterlange, schwarze Schiefertafel.

 

Im Holzrahmen ist die Zahl 1791 eingekerbt. Versonnen male ich mit dem Finger einen Spalt entlang, der quer durch den Stein führt. Da blickt die Mutter von ihrer alten Bibel auf und lächelt: „Ja, es gab damals auch schon lose Bum, mit einem Beil ham sies zerschlagen, als der Vater halt auch noch klein und unvernünftig war.“ Dann steht sie auf, den Sohn zu holen; ich blättere in der Bibel, betrachte die alten Holzschnitte, da lese ich mit Tinte geschrieben:

 

„Von der Theuerung und Hungersnot und noch anderen großen Plagen, so man kaum hinterlassen kann, so in den 1762sten Jahr geschehen, dass zu dieser Zeit das Viertel Korn acht Thaler gekostet, das also das Achtel auf 3 Thaler gekommen und die Gerste 5 Thaler und der Haber das Achtel 28 Groschen, und das zu dieser Zeit ein Carolin 16 Thaler und ein Diledan, das ist ein Laubthaler, 4 Thaler gegolten und das Maß Bier ein Groschen und das Maß Branntwein 12 Groschen, welches ich nicht alles schreiben kann.

 

Vom Vieh, das auch zu der Zeit ein Paar Ochsen 100 Thaler vergolten und auch große Ochsen das Paar vor 200 Thaler gekommen und eine Kuh vor viel vierzig verkauft worden. Von der Kontribution, so die geschehen, 1762 Röttersdorf aufs erstmal 500 Thaler gekommen und das andermal auf etliche achtzig Thaler gekommen.

 

            Schieferdecker Johann Christian Kunstmann. 1762

 

Herr mein Gott, was war es vor Elend!“

Langsam tickt die Uhr herüber in meinen Winkel. „Waldschulmeister“,

was schriebst du auf Deinen Zettel?“

 

„Ein Blättchen Papier kann älter werden,

wie das frischeste Maiblatt auf Gottes Erden,

wie das flinkeste Gemslein am Felsenwall,

wie das lockige Kind im lieblichen Tal.

Ein Blättchen Papier, weiß und mild,

ist oft das treueste, einzige Bild,

das der Mensch zurück lässt, künftigen Zeiten,

da über seinen Staub die Urenkel schreiten.

Neue Menschen ringen mit neuem Geschick,

keiner denkt an die alten zurück.

Da ist ein Blatt mit feinen bleichen

Tintenstrichen oft das einzige Zeichen

Von dem Wesen, das einst gelebt und gelitten,

gelacht, geweint, gehofft und gestritten.“

 

Wörtlich abgeschrieben von Brigitte Richter

 

In diesen paar Reimen steckt so viel Wahrheit drin. Deshalb wollen wir das Alte bewahren und in die Zukunft hinüber retten, damit vielleicht unsere Urenkel einmal sagen: „Oh Gott, was hatten die damals für eine Sprache?“

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