„Heimatjahrbuch“ 1925

Brigitte Richter

 

Dass ich einmal ein „Heimatjahrbuch“ welches damals „Jugendblätter für Volks- und Heimatkunde“ hieß, in den Händen halten werde, das über hundert Jahre alt ist, hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich bin sehr dankbar dafür, es lesen zu dürfen und freue mich, dass es Menschen gibt, die so etwas aufheben und zu achten wissen.

Alte deutsche Druckschrift, vergilbte und lose Seiten, ich mit der Lupe in der Hand, um kein Wort zu überlesen, haben mich so gefesselt, dass ich heute wohl nichts anderes machen werde, als zu lesen.

Dankbar bin ich in dem Moment auch dafür, dass die Tradition des Heimatjahrbuches in den Landkreisen Saalfeld-Rudolstadt und dem Saale-Orla-Kreis fortgeführt werden. Wie es in anderen Landkreisen ist, weiß ich nicht. Und ich kenne die Initiatoren in Schleiz und in Saalfeld, die ihr Herzblut da mit einbringen. In Saalfeld ist es Herr  Martin Modes (vorher Herr Weggässer, der leider verstorben ist) und in Schleiz Herr Sigmund, die das Buch jährlich mit viel Engagement und Zeitaufwand zu einer informativen und unterhaltsamen Lektüre machen.  Hoffentlich gibt es Nachfolger für dieses Werk, weil damit sehr viel Geschichtswissen bewahrt wird, das nicht in Schulen und Universitäten gelehrt wird.

Eine Erzählung schreibe ich heute ab, damit die Leser hoffentlich meine Begeisterung mit mir teilen können.

Walpurgis   (Abschrift)

„Zu Walparche muss sich e Krah im Karn verstecken könne, wenn was draus warn soll“, so sagt der Bauer im reußischen Oberland und sagt damit, dass Walpurgis etwas mit der Fruchtbarkeit, mit Grünen und Blühen, zu tun hat.

Wenn die trüben und noch immer kalten Tage des März, und die des launischen April vorüber sind, dann erst beginnt das rechte Leben. Der Wonnemonat Mai ist da, wo sich alles anschickt zu blühen, zu grünen, zu treiben und künftig Früchte zu bringen.

Und darum feierten in uralten Zeiten unsere Vorfahren das Walpurgisfest, den 1. Mai. Walpurgis war ein Heiliger- und Freudentag der Germanen an dem sich immer wieder das Leben neu offenbarte.

Aber was ist heute aus diesem heiligen Tage, aus dieser Heiligennacht  geworden? Heute versammeln sich Hexen und Teufel an den ehemals geweihten Orten, wo den gütigen Göttern Altäre errichtet wurden. In der Nacht vom 30. April zum 1. Mai, so erzählte unsere Großmutter, kommen die Hexen zu verborgenen Orten zusammen.

Auf abgekehrten Besen und Ofengabeln reiten sie in ihre Versammlung, der auch der Teufel beiwohnt. Wehe dem, der ihnen bei dem Ritt in den Weg kommt! Sie führen ihre wilden Hexentänze auf und treiben noch allerlei Schabernack und Unfug.

Zahlreiche Namen erinnern uns noch an die verwünschten Orte, wo sich die bösen Geister aufhielten.

In Mitteldeutschland ist der Brocken oder der Bloxberg der beliebteste Platz auf dem die Hexen ihr lichtscheues Wesen treiben.  Aber auch in unserer engeren Heimat gibt es Bezeichnungen, die auf ähnliches hindeuten, wie der „Teufelspredigtstuhl“ in Wüstendittersdorf bei Schleiz, die Teufelskanzel im Leubatal bei Hohenleuben und den Teufelsberg bei Weißendorf u.a.

In den Hexen wie überhaupt in den „bösen Geistern“ sehen wir Überreste des altgermanischen Glaubens Die ersten Boten des Christentums stellten die alten Heidengötter als böse Geister hin, die Göttinnen wurden zu Hexen.

Ein Rest des alten germanischen Glaubens hat sich aber bis in unsere Zeit erhalten. Noch heute fürchten sich Kinder vor Hexen, Teufeln und anderen bösen Geistern.

Viele Mittel und Wege hat man nun gefunden, um diese menschenfeindlichen Wesen fern zu halten oder sie unschädlich zu machen und eine Anzahl werden besonders am Walpurgistage angewendet.  Ein Gang durch ein Dorf unseres Oberlandes zeigt das heute noch.

Die Dämmerung sinkt hernieder. Da öffnet sich hier ein Tor und dort ein Pförtchen und junge Burschen  treten mit Peitschen heraus. Nun beginnt ein tolles Klatschen. In jedem Winkel, jedem Gässchen knallt eine Peitsche. Dadurch glaubt man, die Hexen vertreiben zu können.

da sammeln sich die jungen „Teufelsaustreiber“ eben vor einem Hause, von dem man schon lange gemunkelt hat, dass die alte Frau, vielleicht die alte Großmutter, eine Hexe sei. Mit lautem Schreien geht erst recht das laute Klatschen wieder los. Wütend jagt der Hausbesitzer die junge Schar davon; aber bald fängt das Lärmen, Johlen und Klatschen von neuem an. Allmählich wird’s dunkel und das Getöse ebbt langsam ab. Nur noch einzelne Peitschen knallen; dann schweigen auch die.

Nun beginnt ein anderes Treiben. Auf einer Anhöhe werden Holzscheite und Reißigbündel zusammen getragen und zu einem Stoß aufgeschichtet. Bald züngeln die Flammen empor. Die jungen Burschen und Mädchen tauchen alte Besen in die Glut und schwingen sie im Kreise durch die Luft.

Das Verbrennen der alten Besen soll die Vernichtung der Hexen bedeuten.  Das Schwingen der brennenden Besen in der Luft erinnert aber auch an die Feuerräder der Germanen, die in der Form eines Hakenkreuzes, mit Stroh umwickelt, gedreht wurden, bis sie brannten. Die Räder oder Hakenkreuze galten als Sonnensinnbilder.

Man springt öfter durch die Flammen hindurch, um sich von dem heiligen Walpurgisfeuer reinigen zu lassen. Dann tanzt man um den Stoß und alte Volksweisen erklingen, bis die Flammen allmählich erlöschen und der Wind die Funken dahin treibt. Von der Asche nimmt sich jedes eine Handvoll mit. Gräbt sie zuhause in den Stall ein und bedeckt sie mit einem Kieselstein oder einem Rasenstück. An die Stalltüre werden 3 Kreuze gemalt. So ist das Vieh vor den Hexen sicher.

Daneben finden sich auch Bräuche, die dazu dienen, die Felder vor den Unholden zu schützen.

Am Walpurgistage früh gegen 5 oder 6 Uhr wenn sich Tag und Nacht scheiden, gräbt man an jeder Ecke des Feldes ein Kreuzeszeichen in die Erde oder man schießt mit dem Gewehr über die jungen Saaten hinweg um einmal den „Binsenschnitter“  („Bilmschneider“) das andere Mal die Hexen zu vertreiben oder fernzuhalten.

Gegen den Binsenschnitter wendet man auch noch ein anderes Mittel an:

Wenn zur Walpurgis Dünger gefahren wird, so steckt man den alten Besen, mit dem meistens der Wagen abgekehrt wird, verkehrt, mit dem Stiele nach unten, in die Erde. Das soll den habgierigen „Binsenschnitter“  vertreiben.

     Zwar nur noch wenige Bräuche sind uns als ein spärlicher Rest des alten heidnischen Glaubens erhalten geblieben, aber der alte Kern vieler Walpurgisbräuche ist trotz Einwirkung des Christentums noch deutlich erkennbar.

                                                                               Signiert mit: W.N.

Da bin ich doch richtig froh, in der heutigen Zeit zu leben, wo nicht mehr der Aberglaube die Menschheit dominiert.

Das Alte bewahren, der Gegenwart vermitteln und für die Zukunft erhalten, das ist wichtig.

Wir empfinden den Aberglaube als beeindruckend, spannend und absurd. Was werden in hundert Jahren unsere Nachkommen von der KI sagen?

Read Previous

Fraktion UBV/FDP im Kreistag Saale-Orla-Kreis Haushalt 2026 beschlossen – strukturelle Probleme bleiben ungelöst

Most Popular