Wolfgang Kleindienst, Kreistagsmitglied UBV Saale-Orla
Nach mehr als drei Monaten ohne Antwort auf ihren Offenen Brief an Ministerpräsident
Mario Voigt haben die Thüringer Bürgerinitiativen nun Post aus dem Umweltministerium
erhalten. Doch die Antwort von Umweltminister Tilo Kummer sorgt für große
Enttäuschung und scharfe Kritik. „Statt auf unsere konkreten Zahlen und Argumente
einzugehen, wiederholt das Ministerium lediglich bekannte politische Allgemeinplätze“,
erklärt Wolfgang Kleindienst, Kreistagsmitglied der UBV Saale-Orla. „Die realen
Probleme des Stromsystems in Thüringen werden komplett ausgeblendet.“
Faktenlage: Thüringen hat kein Strommangel, sondern ein Systemproblem
Nach offiziellen Netzdaten stehen in Thüringen derzeit rund 4.686 MW installierte
Wind- und PV-Leistung einer maximalen Netzlast von nur 1.211 MW gegenüber.
Das bedeutet: Die installierte Erzeugungsleistung ist bereits heute fast viermal so hoch
wie der tatsächliche Bedarf .
Gleichzeitig sinkt die Netzlast seit Jahren kontinuierlich.
Von Strommangel kann keine Rede sein. Das Problem ist nicht zu wenig Erzeugung,
sondern zu viel ungesteuerter, wetterabhängiger Strom zur falschen Zeit.
Trotzdem: Weiterer massiver Ausbau und Milliardenausgaben für Netze
Der Netzausbauplan der Thüringer Energienetze (TEN) sieht bis 2045 allein im
Hochspannungsnetz Investitionen von rund 1,96 Milliarden Euro vor, hauptsächlich
wegen des weiteren Zubaus von Wind- und Solaranlagen.
Zusätzlich müssen hunderte Kilometer Leitungen neu gebaut oder verstärkt werden.
Diese Kosten zahlen am Ende die Bürger und die Wirtschaft über immer höhere
Strompreise und Netzentgelte, warnen die Initiativen.
Stromüberschüsse werden längst ins Ausland gedrückt. Im 50Hertz-Netzgebiet, zu
dem auch Thüringen gehört, werden bereits heute zig Terawattstunden
Stromüberschüsse ins Ausland exportiert, unter anderem nach Polen und Tschechien.
Allein 2023 lag der physikalische Exportüberschuss bei über 42 TWh .
Während unsere Landschaften mit immer mehr Windrädern überzogen werden,
verschenken wir den Überschussstrom ins Ausland und die Menschen hier zahlen die
Rechnung, so die Initiativen.
Antwort des Ministers geht an den Kernfragen vorbei
In seiner Antwort behauptet Umweltminister Kummer, Thüringen sei weiterhin in
erheblichem Umfang auf Stromimporte angewiesen und benötige deshalb mehr
erneuerbare Energien . Diese Darstellung widerspricht nach Ansicht der Bürgerinitiativen
den öffentlich zugänglichen Netzdaten und den realen Lastverläufen.
In einem ausführlichen Antwortschreiben haben die Initiativen die Aussagen des
Ministers Punkt für Punkt widerlegt und eine systemische Neuordnung der
Energieplanung gefordert.
Unterstützung erhalten die Bürgerinitiativen dabei auch vom Thüringer Landesverband
„Energiepolitik mit Vernunft e. V.“ (Vernunftkraft Thüringen). Der Verband unterstützt
das Antwortschreiben ausdrücklich und teilt die Kritik an der derzeitigen Energiepolitik
des Landes. Auch Vernunftkraft sieht dringenden Korrekturbedarf bei Ausbauzielen,
Netzplanung und Systemstabilität.
Kernforderung: Moratorium und Neuausrichtung der Energiepolitik
Die Bürgerinitiativen fordern:
– ein Moratorium für neue Windkraft- und PV-Großprojekte,
– eine Abkehr von starren Flächenzielen,
– und eine Planung nach realem Bedarf, Netzfähigkeit und gesicherter Leistung.
„Wir brauchen endlich eine Energiepolitik, die sich an physikalischen Realitäten
orientiert – nicht an politischen Zielzahlen“, heißt es.
Gesprächsbereitschaft – aber auf Basis von Fakten
Trotz der deutlichen Kritik betonen die Initiativen:
Wir sind jederzeit zu einem offenen, sachlichen und faktenbasierten Gespräch mit der
Landesregierung bereit. Aber dieses Gespräch muss sich an Zahlen, Netzdaten und
physikalischen Realitäten orientieren, nicht an Ideologie.
Die Antwort von Minister Kummer und unser Antwortschreiben an ihn wurde am
23.01.26 verschickt. Beide Schreiben, wie auch der Offene Brief, befinden sich in der
Anlage
