Zwei Friesauer Einwohner ermorden einen Soldaten (1641)

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Akte Ostthüringen
Unter der Rubrik „Akte Ostthüringen“ beleuchten wir historische Mord- und Kriminalfälle, die sich in Ostthüringen zugetragen haben. Seien Sie deshalb vorgewarnt, die Inhalte sind nicht jugendfrei.
Diesen Fall beschreibt der Heimatforscher und Historiker Alexander Blöthner.

Das Oberland im 30-jährigen Krieg: Immer wieder ziehen Soldaten, aber auch ausgebrannte Kriegsflüchtlinge auf dem alten Heerweg über den Frankenwaldkamm ins Reußische. Über Saalburg, Schleiz und Auma geht es meist weiter nach Gera oder Altenburg. Es ist die kürzeste Verbindung zwischen Nürnberg und Leipzig, die besonders von Fußgängern viel genutzt wird. Noch zu Beginn der 1620er-Jahre bemerkten die Landleute allhier von jenem ›Krieg der Kriege‹ recht wenig. Als aber dann eine gewaltige Flüchtlingswelle in Gang kam und eine, in diesem Ausmaß bislang ungekannte Inflation ihre Ersparnisse verschlang, ahnten auch sie, dass nun eine schlechte Zeit heraufdräue.

Beginnend ab 1628 – dann in den frühen 1630er-Jahren – sollte es immer wieder zu Plünderungen seitens durchziehender Soldateska wie auch von Marodeuren kommen. Dann herrschten aber auch mehrmonatige, ja mehrjährige Ruhephasen, wo man eben wirtschaftete so gut es ging und versuchte, das Verlorene wieder neuzuerarbeiten, ständig in der Hoffnung auf den nahenden Frieden. Aufgrund der ständigen Bedrohung durch fremde Soldateska und einer erschreckend hohen Kriminalitätsrate standen die Bürger und Bauern selbstverständlich unter Waffen. In jedem Haus gab es kriegstaugliche Hieb- und Stichwaffen und wer es im Vermögen hatte, der schaffte sich auch ein Luntenschlossgewehr oder eine Radschlosspistole an. Solcherlei war auch in den Schützenhöfen der Rittergüter und in den Arsenälen der Städte Saalburg und Lobenstein reichlich vorhanden, wo in letzteren beiden Fällen zudem noch Sturmhauben, Brust- und Beinpanzer und selbstverständlich großkalibrige Doppelhakenbüchsen bis hin mehreren kleineren Kanonen lagerten. Der Landesherr der jüngeren Linie, Heinrich Posthumus Reuß zu Gera, hatte schon zu Beginn des Krieges seine Landwehr mobilisiert. Sie stand unter der Anführung örtlicher Adliger und sollte vornehmlich die Landstraßen im Auge zu behalten. Gegenüber dem Durchzug größerer Truppenteile, die zudem noch das verbriefte Recht besaßen, von den Untertanen gefälligst verpflegt und beherbergt zu werden, standen aber auch sie hilflos gegenüber und zogen sich dann hinter die schützenden Mauern der Städte und Rittersitze zurück. Häufig stellten die durchziehenden Heere, dem Land aber auch selbst kleinere Schutzgarden zur Verfügung, die – soweit deren Mitglieder nicht selbst raubten und plünderten – durchaus auch einige Schutzdienste zu leisten verstanden.

Als im Jahre 1635 der Obersächsische Reichskreis mit dem sächsischen Kurfürsten an der Spitze, [und somit auch das Haus Reuß] von der schwedischen auf die kaiserliche Seite übergewechselt war, und die Schweden diese Länder nunmehr als Feindesland betrachteten, wurde es für die Bevölkerung nur noch schlimmer, denn von ihren festen Plätzen Erfurt und Zwickau aus plünderten die Schweden die nachfolgenden 15 Jahre das ganze Land systematisch aus. Um die örtliche Obrigkeit zu schwächen, entführten sie anfänglich auch Amtmänner und Bürgermeister oder machten Jagd auf die Landwehreinheiten, die ihrerseits kleinere schwedische Trupps angriffen, so dass niemand seines Lebens mehr sicher sein konnte.

So schlimm Not und Pein bislang auch waren, das Jahr 1640, wo sich die schwedische und die kaiserliche Hauptarmee im ›Saalfelder Lager‹ wochenlang gegenüberstanden, war das schlimmste Jahr, das jemals über unsere Region hereingebrochen ist. Zur Versorgung ihres knapp 40.000 Kombatanten starken Heeres und des aus mindestens 100.000 Menschen [Soldatenfrauen, -kindern, Handwerkern, Sudelköchen, Kommissmetzgern, Marketendern, Leibdienern, Stalljungen, Feuer- und Trossknechten, Dirnen, Kleinhausierern, Gauklern, Wahrsagern, Glücksspielern, Dieben und anderen zwielichtigen Mitläufern] bestehenden Trosses suchten die Schweden neben der Orlasenke, der Heide und den Tälern auch das Lobensteiner Land konsequent heim, requirierten jenem, die mit ihrer Habe nicht rechtzeitig hatten flüchten können, Getreide und Vieh, ja schlugen manchen Menschen gar zu Tode. Unter- und Oberlemnitz wurden damals ganz eingeäschert, weil die Bauern sich geweigert hatten, ihr im Walde verstecktes Vieh auszuliefern. Von Lobenstein selbst, wo die Bürger zusammen mit der kaiserlichen Besatzung so laut mit Trommeln rührten, dass man meinen konnte, ein ganzes Regiment stehe zur Verteidigung bereit, ließen die Schweden ab. Dafür aber mussten Saalburg und Tanna nun herhalten und wurden, ebenso wie ein großer Teil von Ziegenrück niedergebrannt sowie drei, vier weitere Dörfer auf der anderen Saaleseite. Zwar zogen die beiden Armeen Anfang Juni 1640 endlich ab, doch ließen sie ansteckende Krankheiten zurück, denen die geschwächten Menschen in den folgenden Wochen und Monaten massenweise zum Opfer fielen, so das in manchem Dorf – vornehmlich in der Orlasenke und der oberen Saale – kein Mensch, ja nicht einmal Katz und Maus mehr vorhanden war.

Widerstand gegen die Exzesse von Soldaten waren zwar erlaubt, doch nur unter Anführung der Obrigkeit. Eigenmächtigkeiten selbsternannter ›Rächer‹ wie des ›Bauerngenerals‹ Georg Kresse, der den Soldaten vergalt, was sie an der Zivilbevölkerung gesündigt hatten, stand man ablehnend gegenüber, nicht weil – wie es manchen von uns noch in der Schule beigebracht worden ist – dies eine frühe Form des Klassenkampfes gewesen wäre, sondern, wie Kresses Grundherr, der Herr von Müffling auf Reichenfels es ausdrückte, »wenn Gott nit sonderlich diesen Thäter offenbar gemacht und zur Erkennung kommen lassen, dass viel unschuldige Bauersleuth solches entgelten auch wol mit äußersten Brandschadten und Verderbniß erfahren haben müssen.«1 Und genauso ist es auch gekommen: Über 10 Jahre haben Kresse und seine zusammengerotteten Gesellen die Gegend zwischen Greiz und Triptis unsicher gemacht und nirgendwo im weiteren Umkreis sind so viele grausame Exzesse enthemmter Söldner überliefert wie in diesem Teil des Vogtlandes, bis der legendäre Erzschnapphahn am 1. November 1641 im oberen Gasthof zu Auma von Hatzfeldischen Reitern erkannt und ›mit 3 Kugeln und Schüssen getödtet‹2 wurde. Und nun zu unserer eigentlichen Geschichte:

Am Tage darauf, am 2. November, kam in Friesau (damals Reuß-Greiz) eine Ereigniskette in Gang, die gleichfalls zu einem blutigen Ende führen sollte. Die beiden Forscher Steffen Söll und Waldemar Oelsner haben diesen Fall aus einer Gerichtsakte extrahiert: Im Herbst 1641 war der Friesauer Jungbauer Georg Riedel, der 22-jährige Sohn des Nicol Riedel, nach Leipzig gereist und hatte dort zwei neue Arbeitspferde erworben, mit denen er auch wohlbehalten nach Friesau zurückkehrte. Als aber dann am 2. November eine größere Abteilung Soldaten über Röppisch durch Friesau zog, wurde eines der Pferde beschlagnahmt. Georg Riedel stellte sich den Dieben entgegen, wurde von ihnen aber verprügelt und mitgeschleppt. Erst am Abend kehrte er körperlich schwer misshandelt und ohne das Pferd zu Fuß nach Hause zurück. Am 5. November zog derselbe Trupp Soldaten mit viel gestohlenem Vieh aus hiesiger Gegend in Richtung Saalfeld davon. »Am gleichen Tag kam ein berittener Soldat aus Richtung Ebersdorf nach Friesau. Er kehrte ins Haus des Amtsschulzen Hans Riedel (dem Onkel des Georg) ein und verlangte Quartier sowie für den nächsten Tag ein Pferd und einen ortskundigen Führer nach Saalfeld. Das Pferd, das er wollte, war das noch verbliebene von Georg Riedel gewesen.«3 Als derselbe in dem Soldaten einen der Peiniger seines Vaters erkannte, unterdrückte er seinen Zorn. Nach außen hin scheinbar ungerührt, ließ er sich mit dem Fremden auf ein Gespräch ein, wobei er von ihm bald zum Bierholen nach dem Wirtshause geschickt wurde. Der schwer bewaffnete Soldat trat sehr fordernd und überheblich auf. Zur Bekräftigung seiner Position schoss er auch einmal – wie es unter der rauhen Soldateska damals Sitte war – mit seiner Pistole aus dem Fenster. Im weiteren Verlauf des Gesprächs erfuhr man von ihm, dass er aus der Stadt Weiden in der Oberen Pfalz stamme, dort aber wegen begangener loser Stücke habe verschwinden müssen und darum zum Militär gegangen sei. Für den Bauernstand hatte er überhaupt nichts übrig. Lauthals machte er seine Abscheu gegenüber diesem Stand Luft, ja brüstete sich sogar damit, schon etliche von diesen Erdkriechern misshandelt und ermordet zu haben. Nun weiß Georg Riedel, dass dieser Fremde nicht mehr lebend von hier fortkommen darf und plant zusammen mit seinem Kumpan Nicol Eisenbeiß dessen Ermordung. Gegen 10 Uhr desselben Abends kehrten die beiden mit einem Gewehr bewaffnet zurück zum Schulzenhaus. Mit Waffen kannte sich Georg Riedel gut aus, schließlich hatte er selbst einmal drei Jahre lang als Soldat gedient. Wie es die beiden zuvor abgesprochen hatten, riss Eisenbeiß nun die Türe auf, worauf Riedel unverzüglich den hinter dem Tisch sitzenden Soldaten ins Visier nahm und den Abzug drückte. Weil nicht klar war, ob der Mann noch am Leben war, schlug man ihn noch mit der Axt den Schädel ein. Fünf weitere, damals in dem Raum mit sitzende Personen – es handelte sich wohl um die Mitglieder einer abendlichen Spinnrunde – konnten sich – wie sie später gegenüber dem Gericht angaben – an das Gesehene selbstverständlich nicht mehr erinnern, weil sie vor Angst und Schrecken in Ohnmacht gefallen und zeitweilig sogar taub geworden wären. Riedel und Eißenbeiß schafften den Leichnam auf dem Remptendorfer Weg zum Dorf hinaus und verscharrten ihn notdürftig am Waldesrand Richtung Katzenberg. Hinterher kehrten sie in die Amtsstube des Schulzen zurück, wo auf das Wohl der beiden getrunken wurde. Natürlich konnte eine solche, in aller Öffentlichkeit begangene Mordtat nicht geheimbleiben. Als Georg Riedel am 22. Dezember 1641 auf dem Lobensteiner Markt war, ließ ihn der dortige Stadtrichter festnehmen und übergab ihn tags darauf zwischen Schönbrunn und Friesau an der Landesgrenze den zuständigen Behörden des Amtes Burgk. Bereits am 24. Dezember fand der Prozess statt. Der Mörder gestand die Tat sofort ein und am 4. Januar 1642 wurde im Beisein des Schleizer Baders als Sachverständigen Ortstermin gehalten und der Leichnam des Ermordeten exhumiert. Am 17. Januar forderte der Burgker Amtmann ein Rechtsgutachten des Schöppenstuhls der Universität Jena an, worin die Professoren dem Amtmann empfahlen, den Delinquenten zu 5 Jahren Landesverweis zu verurteilen, bei Androhung der Todesstrafe im Wiederholungsfall. Georg Riedel hatte wohl ein härteres Urteil erwartet. Noch bevor der Bote aus Jena mit dem Gutachten, das gleichzeitig die Funktion eines Urteils besaß, in Burgk eintraf, war der Gefangene – sicherlich mit fremder Hilfe – aus seiner Zelle geflohen. »Eisenbeiß, der ebenfalls angeklagt, aber noch auf freiem Fuß war, verfasste mit Hilfe des Friesauer Pfarrers ein eigenes Verteidigungsschreiben. Um den Zugriff der Gerichtsbarkeit zu entgehen, meldeten sich Riedel und Eisenbeiß dann aber umgehend zu einer größeren militärischen Einheit, die hier im Oberland stationiert war, als Freiwillige, wurden auch angenommen und von dort wiederum unter militärischen Schutz gestellt.«4 Nachfahren der Familie Riedel leben heute noch in Friesau.



1 Zitiert bei Friedrich Alberti (Hg.): Die Ermordung des Lieutenants Bohle von Kresse und Consorten, in: Variscia – Mittheilungen aus dem Archive des Voigtländischen Alterthumsforschenden Vereines 5 (1854), S. 130
2 Heinrich Wilhelm Senff: Chronik von Auma [nach 1790], zitiert bei Autorenkollektiv: 675 Jahre Auma – Geschichte und Geschichten einer Stadt (Hg. von der Stadt Auma), Auma 2006
3 Steffen Söll, Waldemar Oelsner: Aus dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648): Friesau – ein notleidendes Dorf, marodierendes Kriegsvolk und die blutige Vergeltung des Georg Riedel, in: Heimatjahrbuch des Saale-Orla-Kreises 2015, S. 92
4 Ebenda, S. 93

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Geschichte des Saale-Orla-Raumes: Orlasenke und Oberland, Band 2: Eine LandesChronika des 17. und 18. Jahrhunderts mit dem 30jährigen Krieg, dem Zeitalter des Absolutismus und der fürstlichen und gräflichen Residenzen in der Region, dem Nordischen Krieg, dem Siebenjährigen Krieg bis hin zum Ende der Napoleonischen Zeit 1815 von Alexander Blöthner Weitere Informationen

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