Tötung der Mutter im schizophrenen Schub

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Akte Ostthüringen
Unter der Rubrik „Akte Ostthüringen“ beleuchten wir historische Mord- und Kriminalfälle, die sich in Ostthüringen zugetragen haben. Seien Sie deshalb vorgewarnt, die Inhalte sind nicht jugendfrei.
Dieser Fall wird beschrieben von Kriminalist Hans Thiers aus Gera.

Rauschengesees, Kreis Lobenstein (1985)

Hans Thiers behandelt diesen Fall ausführlich in seinem Buch „Mordfälle im Bezirk Gera II“

Am 2. Oktober 1986 wurde die MUK Gera in einem Tötungsverbrechen in Rauschengesees tätig. Ein Mann teilte seiner Schwester in Lobenstein telefonisch mit, daß die Mutter tot wäre. Die Kriminalisten betraten einen Ort des Grauens. Der Täter mußte wie ein Geisteskranker gehandelt haben…

Zum Zeitpunkt der Tat lebte Frau S. mit ihrem Sohn allein im Haus, der in der Folgezeit als Täter in Betracht kam, denn an seiner Bekleidung fanden sich Blutspritzer. Diese Spuren erhärteten den Verdacht, daß Wolfgang S. mit dem Tod seiner Mutter im Zusammenhang stand. Er wurde zum VPKA Lobenstein zugeführt, seine Bekleidung beschlagnahmt und zum Spurenvergleich kriminaltechnisch untersucht. Da der Verdächtigte keinerlei Aussagen machte, was zwischen ihm und seiner Mutter vorgefallen sein könnte, wurde er wegen dringenden Tatverdachts festgenommen und Haftbefehl erlassen.

„Als Todesursache wurde bei der gerichtsmedizinischen Sektion ein offener Schädelbruch mit totaler Enthirnung festgestellt. Nach dem Verletzungsbild handelt es sich um typische Hiebverletzungen, welche durch die Einwirkung eines scharfkantigen Werkzeuges gesetzt worden sind.“ Die im Schlafzimmer des Beschuldigten aufgefundene Schaufel wurde als Tatwerkzeug gesichert.

Die weiteren Ermittlungen brachten Erschreckendes an den Tag. Wolfgang S. war seit längerer Zeit psychisch auffällig, und er hatte – mit hoher Wahrscheinlichkeit – in einem schizophrenen Schub seine Mutter mit der Schaufel erschlagen. Im Mai 1977 mußte der intelligente junge Mann erstmals psychiatrisch stationär behandelt werden. Im Jahre 1979 wurde durch ihm durch eine nervenfachärztliche Begutachtung Invalidität bescheinigt.

Auf Grund des Spurenmaterials stand eindeutig fest, daß Wolfgang S. seiner Mutter in einem schizophrenen Schub mit der Schaufel in der Nacht vom 1. zum 2. Oktober 1985 in ihrem Schlafzimmer einen offenen Schädelbruch beigebracht hatte. An dieser massiven Schädelverletzung starb Frau S.

Wir prüften zudem, ob weitere Personen mit dem Tod im Zusammenhang stehen konnten, aber Frau S. war im Ort beliebt und es bestanden keinerlei Feindseligkeiten.

Andere Personen wurden zur Tatzeit in ihrem Wohnhaus nicht festgestellt. Sie war an diesem späten Abend und in der Nacht mit ihrem Sohn allein im Wohnhaus. Alle Türen und Schlösser wurden nach schloßfremden Spuren überprüft, aber wir konnten definitiv ein gewaltsames Eindringen in das Haus des Opfers durch andere Personen ausgeschließen.

Begründet durch die psychiatrische Diagnose wurde gegen Wolfgang S. zwar ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts des Mordes gem. § 112 Abs. 1 StGB eingeleitet, der Verdächtigte aber sofort ins Haftkrankenhaus nach Leipzig zu einer intensiven nervenfachärztlichen Begutachtung eingewiesen. Wie durch den Gutachter der Psychiatrisch-Neurologischen Klinik des Haftkrankenhauses Leipzig-Meusdorf festgestellt wurde, lag bei S. seit 1977 eine dauernde krankhafte Störung der Geistestätigkeit vor. In diesem Gutachten vertritt er die Meinung, daß bei S. tatzeitbezogen eine krankhafte Störung der Geistestätigkeit vorlag, die sich am Tattag noch intensivierte. Es war ihm unmöglich, sich nach den Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu richten. Er führte die Tötung der Mutter in einer Phase eines akuten schizophrenen Schubes aus. Eine unbefristete Einweisung in eine stationäre psychiatrische Einrichtung war unumgänglich, insbesondere auch deshalb, weil S. keine ausreichende Kritik gegenüber seinem Krankheitsgeschehen entwickeln konnte.

Das Ermittlungsverfahren gegen den Beschuldigten wurde durch den Bezirksstaatsanwalt Gera eingestellt. Der kranke Wolfgang S. wurde vorerst in eine geschlossene Psychiatrische Klinik unbefristet eingewiesen.

Über den Autor: Kriminalrat a. D. Hans Thiers arbeitete von 1973 bis 1990 bei der Morduntersuchungskommission (MUK) des Bezirkes Gera. Von 1980 bis 1990 war er dessen Leiter. Thiers schrieb mehrere Bücher über seine Arbeit bei der MUK (Mordfälle im Bezirk Gera Band 1, 2 und 3) und über die Serienmörder der DDR im gleichnamigen Buch. Zuletzt war er Mitherausgeber und einer der Autoren des Buches „Blutspur durch Thüringen“. Alle Bücher erschienen im Verlag Kirchschlager.

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