„Ich habe kräftig zugetreten.“ – Mord an einer Rentnerin

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Akte Ostthüringen
Unter der Rubrik „Akte Ostthüringen“ beleuchten wir historische Mord- und Kriminalfälle, die sich in Ostthüringen zugetragen haben. Seien Sie deshalb vorgewarnt, die Inhalte sind nicht jugendfrei.
Dieser Fall wird beschrieben von Kriminalist Hans Thiers aus Gera.

Zeulenroda, 1982

Hans Thiers behandelt diesen Fall ausführlich in seinem Buch „Mordfälle im Bezirk Gera II“

Am 6. Februar 1982, gegen Mitternacht, wurde Frau Clara O., eine fast 90jährige Rentnerin in Zeulenroda mit schwersten Verletzungen am ganzen Körper ins Kreiskrankenhaus Zeulenroda eingeliefert. Sie war regelrecht übersät mit blauen Flecken, die auf Fußtritte und Faustschläge hindeuteten.

Die Polizei erhielt den Hinweis vom Hausmeister Johannes W. Dieser gab an, die Altersrentnerin in ihrer Wohnung schwer verletzt aufgefunden zu haben – gegen Mitternacht! Er hätte zudem drei unbekannte männliche Personen im Dunkeln gesehen, die mit dieser schweren Straftat im Zusammenhang stehen könnten. Die MUK kam zum Einsatz.

Fragwürdig war, daß es keinerlei Anhaltspunkte von Gewalteinwirkung an der Hauseingangstür bzw. der Wohnungeingangsstür des Opfers gab. Besaßen der oder die Täter etwa einen Schlüssel zur Wohnung des Opfers?

Im Besitz von Schlüsseln war dagegen Johannes W., der Hausmeister. Er, bereits mehrfach vorbestraft wegen Körperverletzung, versuchten schweren Raubes, Fahrens ohne Fahrerlaubnis unter Alkoholeinfluß, erledigte bei der Altersrentnerin Hilfsarbeiten. Im Zuge der Ermittlungen und Vernehmungen verstrickte sich Johannes W. in eine Vielzahl von Widersprüchen. Es gab keine drei unbekannten Männer, und schnell geriet er in Verdacht, die Frau, die ihm in einer gewissen Obhut unterstand, so schwer verletzt zu haben.

Doch was war das Motiv dieser brutalen Tat? Was suchte er gegen Mitternacht in der Wohnung der Rentnerin?

Die Vernehmer hörten Erstaunliches. Johannes W. geriet an diesem Abend des 6. Februar 1982, wie so oft, mit seiner Ehefrau in Streit. Aufgrund dieser Streitigkeiten, entschied sich seien Ehefrau zu ihrer gemeinsamen Tochter zu fahren. Darüber verärgert ging Johannes W. ins Kreis-Kulturhaus der Deutsch Sowjetischen Freundschaft Zeulenroda, um seinen Frust mit Alkohol zu bekämpfen. Gesagt, getan.

Er trank in dieser Gaststätte drei Flaschen Spezialbier (0,33l) und drei einfache Schnäpse Wodka. Angetrunken stänkerte er in der Gaststätte herum, pöbelte Gäste an und beleidigte sie. Zwischenzeitlich schlief er auch am Tisch einmal ein. Zwei Zeugen, Bekannte von ihm, brachten ihn schließlich nach Hause. Sie wollten weiteren Ärger vermeiden. Immer noch frustriert, trank er zu Hause in der Zeit zwischen 20.30 Uhr und 23.00 Uhr weiter und konsumierte weitere vier Flaschen Bier.

Trotz des gestiegenen Alkoholspegels war bei ihm noch keine Bettschwere erreicht. Er sah in der Wohnung des späteren Opfers noch Licht brennen, und faßte, trotz oder gerade wegen des stark alkoholisierten Zustandes den Entschluß, die Rentnerin in ihrer Wohnung zu vergewaltigen.

Im Besitz der Haustürschlüssel war es für ihn ein leichtes, das Haus zu betreten. Um nicht durch ungebetene Gäste gestört zu werden, schloß er hinter sich die Haustür wieder ab.

Als er vor der Wohnung der alten Frau im 2. Obergeschoß angekommen war, stellte er fest, daß die Wohnungstür nur angelehnt war. Er bemerkte, daß sie im Sessel saß und fern sah. Clara O. erkannte ihren späteren Peiniger, und fragte, was er zu so später Stunde bei ihr wolle. Er antwortete: „Nichts!“

Die Frau forderte W. auf, ihren Fernseher auszuschalten, was er auch tat. Sie stand auf und wollte ins Schlafzimmer gehen. Sie ahnte nichts Bedrohliches, von diesem „Vertrauten“. Ohne Worte ging er mit einem Mal brutal auf die 90jährige los. Er verfolgte nur noch ein Ziel, sich die alte Frau durch Schläge und Fußtritte sexuell gefügig zu machen und mit ihr den Geschlechtsverkehr durchzuführen. In seiner Besessenheit schlug er massiv auf sein Opfer ein und verpaßte ihr vier starke Faustschläge ins Gesicht. Clara O. flüchtete in das kombinierte Wohn-Schlafzimmer. W. verfolgte sie und versetzte ihr erneut eine Vielzahl Faustschläge ins Gesicht. Nach einer weiteren Serie von Faustschlägen gegen Kopf und Oberkörper sank das Opfer zu Boden. Es blutete stark aus Mund und Nase.

Die alte Frau wehrte sich verzweifelt, hatte aber keine Chance, denn ihr Peiniger war ihr körperlich weit überlegen. Es sollte aber noch nicht genug sein. Johannes W. versetzte dem Opfer 16 Fußtritte, mal mit dem linken, mal mit dem rechten Fuß gegen ihre Rippenpartie, Hüfte und Oberschenkel. Damit verletzte er Frau O. schwer. Das Opfer flehte ihn an „Ich habe ihnen doch nichts getan!“, aber W. machte weiter.

Er glaubte in diesem Moment, er habe sie sich sexuell gefügig gemacht… Trotz seiner geringen Schulbildung wollte er über eine gewisse Bauernschläue verfügen. Durch die brutale Straftat war der Alkohol bei ihm wie verflogen und seine kriminelle Phantasie brachte ihn auf die Idee, „Unbekannte“ der Straftat zu bezichtigen. Seine Personenbeschreibungen und Angaben zu den Unbekannten männlichen Personen ließen die Kriminalisten recht schnell an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln. Desweiteren konnte er dem vernehmenden Kriminalisten keine plausible Erklärung der Blutspuren an seinem Körper liefern. Die umfangreichen Ermittlungen, Spuren am Tatort und Zeugenvernehmungen führten zur Überführung des beständig leugnenden Täters.

Am 8. Februar 1982 war die alte Dame an den Folgen der schweren Verletzungen verstorben. Es konnte zweifellos ein Zusammenhang zwischen ihrem Tod und der ihr beigebrachten Verletzungen gerichtsmedizinisch nachgewiesen werden.

Die mit dem Straftäter durchgeführte Rekonstruktion zum Tathergang bestätigte sich in all seinen Einzelheiten. Auf Grund der Gesamtumstände der Straftat, aber vor allem der Täterpersönlichkeit, war eine Nervenfachärztliche Begutachtung notwendig. Der Gutachter kam zu dem Ergebnis, daß bei W. eine „Verminderte Zurechnungsfähigkeit gem. § 16 Abs. 1 StGB“ vorlag. Der Gutachter MR Dr. med. Pannenborg stellte fest: „Der § 16 Abs. 1 StGB liegt vor, weil beim Straftäter bei der Durchführung der Handlung eine vorübergehende krankhafte Störung der Geisteskrankheit vorgelegen hat.“

In der ersten Hauptverhandlung wurde der Beschuldigte zu einer „lebenslänglichen Freiheitsstrafe“ verurteilt und ihm die „Staatsbürgerlichen Rechte“ aberkannt. Der Rechtsanwalt des W. legte gegen das Urteil Berufung ein und es kam am 30. November 1982 vor dem Obersten Gericht der DDR in Berlin erneut zur Verhandlung.

In Anbetracht aller Umstände wurde das Urteil von „Lebenslänglich“ auf 15 Jahre Freiheitsentzug neu festgesetzt. Nachdem er dreiviertel seiner Haftstrafe verbüßt hatte, wurde die Reststrafe von Johannes W. vom Kreisgericht Zeulenroda am 12. Februar 1992 auf fünf Jahre Bewährung ausgesetzt. Seine Entlassung aus dem Strafvollzug erfolgte am 3. März 1992. Ihm wurde ein Bewährungshelfer zur Seite gestellt. Da er sich in seiner Bewährungszeit nichts zu Schulden kommen ließ, ist er jetzt ein freier Mann.


Über den Autor: Kriminalrat a. D. Hans Thiers arbeitete von 1973 bis 1990 bei der Morduntersuchungskommission (MUK) des Bezirkes Gera. Von 1980 bis 1990 war er dessen Leiter. Thiers schrieb mehrere Bücher über seine Arbeit bei der MUK (Mordfälle im Bezirk Gera Band 1, 2 und 3) und über die Serienmörder der DDR im gleichnamigen Buch. Zuletzt war er Mitherausgeber und einer der Autoren des Buches „Blutspur durch Thüringen“. Alle Bücher erschienen im Verlag Kirchschlager.

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