Der Oberreichenauer Serienbeilmörder Franz Bernhard Schlörr in Gera und Triebes (1874)

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Akte Ostthüringen
Unter der Rubrik „Akte Ostthüringen“ beleuchten wir historische Mord- und Kriminalfälle, die sich in Ostthüringen zugetragen haben. Seien Sie deshalb vorgewarnt, die Inhalte sind nicht jugendfrei.
Dieser Fall wird beschrieben von Diplomarchivar Frank Esche aus Rudolstadt.
Der hier verkürzt wiedergebene Fall wird ausführlich im Buch Thüringer Mord-Pitaval Band 1 thematisiert.

Im Oktober 1874 wurde zuerst die reußische Stadt Gera in größte Aufregung versetzt. Im Handumdrehen verbreitete sich die Nachricht vom Mord an der verwitweten Lederhändlerin Christiane Anders in ihrem Laden in der Schloßstraße Nr. 12. Die am 4. Oktober in einer Blutlache aufgefundene bejahrte Besitzerin des Grundstücks war, wie spätere Ermittlungen ergaben, bereits abends zuvor mit einem wuchtigen schneidenden Instrument umgebracht worden. Der Kopf, der neben dem Ladentisch aufgefunden wurde, war mit einem Beil derart zertrümmert worden, daß er bei der späteren Sektion völlig auseinanderfiel. Außer diesen – zweifelsohne – tödlichen Wunden am Kopf ließen sich noch zwei tiefe Schnittwunden am Hals und ein in der linken Brust steckendes Messer ermitteln.

Über den Mörder konnten zunächst kaum Erkenntnisse gewonnen werden. Lediglich zwei junge Frauen, die zwischen 20 und 21 Uhr am 3. Oktober an dem Haus der Händlerin vorbeieilten, sagten aus, ein junger Mann von kleiner Statur und mit blonden gekräuselten Haaren hätte an der Haustür der Witwe gestanden. Der Täter mußte umsichtig gewesen sein, denn er hatte keinerlei verwertbare Spuren oder Gegenstände von sich zurückgelassen, und dies, obwohl sämtliche Schlösser an Schränken und Kisten aufgebrochen worden waren. Der Räuber hatte offensichtlich genug Zeit gehabt, sämtlichen wertvollen Schmuck und alles Geld mitzunehmen.

Während sich die Aufregung über den Mord in Gera noch nicht gelegt hatte, geschah in der nicht weit entfernten Stadt Triebes ebenfalls etwas Unfaßbares. Am 18. Oktober 1874 verbreitete sich die Nachricht, daß der dortige Gastwirt Dietzel unter ähnlichen Umständen wie die Lederhändlerin in Gera ums Leben gekommen sei. Die Ermittlungen ergaben Folgendes: Die Eheleute Dietzel waren am Abend der Tat im Begriff gewesen, zu Bett zu gehen, als noch ein junger Mann mittlerer Größe eintrat und etwas Essen und Trinken erbat. Während sich der Wirt mit dem Fremden unterhielt, ging dessen Ehefrau schlafen. Nachdem sie wiederholt das Bett verlassen und gehorcht hatte, ob ihr Mann noch im Gespräch mit dem Fremden sei, hörte sie endlich gegen ein Uhr nachts den Fremden weggehen. Nun ging sie in die Wirtsstube, um ihren Mann zu holen. Als sie ins Zimmer trat, sah sie ihren Mann am Boden liegen. Fast gelähmt vor Schreck, eilte sie ins Schlafzimmer zurück und rief zum Fenster hinaus laut um Hilfe. Die herbeigeeilten Nachbarn fanden den Wirt erschlagen, im Blut liegend vor. Der Kopf war, ganz ähnlicher wie bei der Witwe Anders, augenscheinlich mit einem Beil zertrümmert worden. Sogar der Hals war vollständig bis auf den Wirbelknochen durchschlagen.

In den folgenden Wochen verbreitete sich in Gera und dem ganzen Fürstentum Reuß jüngerer Linie Angst und Schrecken unter der Bevölkerung, vor allem weil sich der brutale Mörder – vermutlich ein Wiederholungstäter – noch unerkannt im Land aufhielt. Jederzeit schien eine weitere Bluttat möglich! Die reußische „kriminelle Exekutivgewalt“ agierte in dieser Phase der Untersuchung hektisch und aktionistisch. Ohne dringende Beweismomente wurde ein Mann der Morde verdächtigt und mußte bald wieder wegen mangelnder Verdachtsgründe in die Freiheit entlassen werden. Ein anderer Mann, der wegen seines schlechten Rufes in Verdacht geriet, blieb so lange in Haft, bis ein glücklicher Zufall die Ermittler auf die Spur des wirklichen Täters führte.

Der später als Täter angeklagte Bernhard Schlörr aus Oberreichenau erzählte mit einer beispiellosen Ruhe und dabei oft schreckliche Details schildernd, ohne die geringste Reue zu offenbaren, aus seinem Leben. Nachdem er schon mehrfach Mordversuche geplant hatte, richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Witwe Anders in Gera, eine Lederhändlerin, da sie allgemein für eine wohlhabende Frau gehalten wurde. Daher begab sich Schlörr am 3. Oktober 1874 von Oberreichenau auf den Weg nach Gera. Auf der Strecke dorthin nahm er das von ihm zuvor im Wald versteckte Beil mit der festen Absicht an sich, mit demselben die Witwe Anders zu töten. In Gera kehrte Schlörr in den „Gasthof zum Bären“, nahe der Wohnung seines Opfers, ein. Dort verblieb er den ganzen Vormittag und nutzte die Zeit, den anvisierten Tatort zu beobachten. Bei Einbruch der Dunkelheit begab sich Schlörr zum Wohnhaus der Lederhändlerin und signalisierte ihr durch Drücken der Haustürklinke seine Anwesenheit. Alsbald öffnete Frau Anders und ließ den vermeintlichen Einkäufer hinein. Während sie im Laden verschiedene Leder vom Regal nahm, holte der Kunde schon zum Schlag mit dem Beil aus. Aber erst als sich die Ahnungslose bückte, um von einem am Fußboden liegenden Stück Sohlenleder abzuschneiden, traf er sie mit dem Rücken des Beils auf einer Kopfseite. Anders stürzte augenblicklich unter Stöhnen zusammen. Es folgten weitere Schläge gegen den Kopf, bis der Mörder seinem Opfer mit der scharfen Kante des Beils den Hals durchschlug und ihm schließlich ein großes Messer in die linke Brust stieß.

Nachdem der Mörder das blutige Beil sorgfältig an den Kleidungsstücken der Leiche abgewischt, der Leiche aber mit der Schürze das Gesicht bedeckt hatte, weil ihm der Anblick unheimlich war, machte er sich an eine gründliche Durchsuchung der Wohnung. Schlörr fand Geld, Schmuck und eine Uhr. Anschließend trat er unter Nutzung der Post seine Heimreise an, erwarb in Weida verschiedene Kleidungsstücke und vergaß auch nicht sein Mordwerkzeug, das Beil, in das alte Versteck im Wald zu bringen.

Am 14. Oktober reiste Schlörr nach Leipzig, wo er nach einem „mehrtägigen lustigen Aufenthalt“ ohne Geld zurückkehrte. Schon wieder mittellos, kam ihm in den Sinn, einen weiteren Raubzug zu begehen.

Der Schenkwirt Dietzel in Triebes schien ein geeignetes Opfer mit vielversprechender Beute zu sein. Am 18. Oktober traf er in der achten Abendstunde ein. Doch erst um Mitternacht, als sich die letzten Gäste entfernt hatten, trat Schlörr in die Gaststube ein, in der er sich mit einem Likör und später auch mit einem herzhaften Essen verköstigen ließ. Dabei gelang es ihm, den Wirt in eine lange Unterhaltung zu verwickeln. Nachdem sich Dietzels Frau in die oben gelegene Schlafkammer zurückgezogen hatte, forderte Schlörr noch einige Zigarren vom Wirt. Dieser begab sich deshalb in den an den Gastraum anstoßenden Laden. Der Mörder folgte ihm auf dem Fuße, und während sein Opfer nach einer hochgestellten Zigarrenkiste griff, erfolgte ein erster Beilhieb auf den Hinterkopf des Wirts. Dieser sank sofort zu Boden. Nun zertrümmerte Schlörr den Schädel des Dietzel – auf gleiche Weise wie der Anders – und schlug ihm schließlich den Hals bis auf die Wirbelsäule durch. Danach kehrte der brutale Verbrecher seelenruhig an seinen Platz im Lokal zurück, lehnte das mit Blut besudelte Beil an das Tischbein und wartete auf Frau Dietzel, um, wie er in der Gerichtsverhandlung ausdrücklich bemerkte, dieselbe bei ihrem Eintritt sofort niederzuschlagen. Tatsächlich forderte Frau Dietzel ihren Mann zweimal zum Schlafengehen auf. Beide Male aber führte ein glücklicher Zufall sie nicht in das Zimmer – und damit nicht in ihr sicheres Verderben. Den Mörder verließ schließlich die Geduld. Er ging, ohne Beute zu machen, aber, wie er dem Gericht versicherte, mit der festen Absicht, zu einem günstigeren Zeitpunkt wiederzukehren. Sowohl dieser als auch andere Pläne blieben dank seiner Festnahme unverwirklicht.

Am 15. Oktober 1875 teilte Fürst Heinrich der XIV. von Reuß j. L. von seinem Regierungssitz im Schloß Ebersdorf auf Anraten des Ministeriums in Gera mit, daß er keine Veranlassung zu einer Begnadigung des zum Tode verurteilten Schlörr sehe. Es sei daher die Vollziehung der Todesstrafe zu veranlassen. Schon einen Tag später beauftragt das Fürstliche Ministerium über das Fürstliche Kreisgericht in Gera die Vorbereitung des Todeskandidaten auf dessen Hinrichtung dem Archidiakon Barth zu übertragen. Am 27. Oktober 1875 verkündet das Amts- und Verordnungsblatt für das Fürstentum Reuß jüngerer Linie die einige Tage zuvor erfolgte Hinrichtung Franz Bernhard Schlörrs.

Über den Autor: Der 1953 in Jena geborene Frank Esche ist Drehbuchautor, Schriftsteller und Diplomarchivar im Thüringischen Staatsarchiv in Rudolstadt. Er schrieb u. a. mehrere Bücher über alte Kriminalfälle aus Thüringen, darunter den Thüringer Mord-Pitaval Band 1 und 2 und Thüringer Mörderinnen: Frauenschicksale zwischen Liebe und Schafott. Die Bücher sind im Kirchschlager-Verlag erschiehen.


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